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Züri Oberland

Nie zu spät – Malen im Alter und bei Demenz

Brigitta Neukom

Brigitta Neukom stellt Arbeiten von ihren betagten Malkursteilnehmenden aus. Vernissage ist am 3. Juni 2018. An diesem Sonntag ist ebenfalls das Ortsmuseum geöffnet. Die Sonderausstellung «Kunst» können Sie dann noch vom 8. bis 10. Juni besuchen. 

Verena Knobel

«Meine  Malstunden  sind  ein  durchgestalteter und doch offener und vielfältiger künstlerischer  Prozess,  voller  ungewisser Momente  und  einer  intensiven  kreativen Spannung – dabei komme ich mir manchmal vor wie auf einer Hängebrücke, ausgespannt  zwischen  dem  Gewordenen  und dem Werdenden, die zuweilen gewaltig ins Schwanken kommen kann.»

 

 

Wenn  Brigitta  Neukom  von  ihren  Malstunden  erzählt,  spürt  man  die  Freude, aber auch den Respekt, den sie gegenüber ihrer  aussergewöhnlichen  Arbeit  und  den Bewohnern hat. «Ich habe jedesmal Lampenfieber», gesteht sie lächelnd, aber sie  meint es sehr ernst. «Wenn die Stunde beginnt, ist es, als würde der Bühnenvorhang  aufgehen  –  und  dann  gilt  nur  noch  volle  Konzentration  und  unmittelbares  Drinstehen im Moment.» 

 

Was dabei herauskommt ist nachgerade sensationell. Brigitta Neukom schafft es, dass selbst an Demenz erkrankte Teilneh- mende in den gemeinsamen Prozess integriert sind. Das sieht man dann an den «Tableaux», auf denen die einzelnen Bilder aus den Malstunden zu einem Ganzen zusammengefügt werden und sich gegenseitig auf wunderbare Weise tragen – Ausdruck einer freilassenden und doch intensiven Gemeinschaft während des Malens. Diese Tableaux hängen dann im Saal oder im Treppenhaus und begleiten die aktuelle Jahreszeit.

 

Wie schafft es Brigitta Neukom, dass so viel Kreativität, Lebendigkeit und Gestaltungskraft zusammenkommen? Worin liegt der Zauber ihrer Tätigkeit? Das eine ist das Thema: meistens geht es um Natur, um Wahrnehmung, um Dinge, die sie mitbringt und die dann auf dem Tisch liegen, wie Blumen,  Vogelnester  oder  Abbildungen  von Schmetterlingen oder anderen Darstellungen aus der Natur. Ein zweites sind die Malblätter: sie sind immer in einer  Farbstimmung sorgfältig von Hand vorgrundiert, es wird also nicht auf weissem Papier gearbeitet. Dadurch verbindet sich Gemaltes ganz anders mit der Umgebung, wird lebendiger und die Angst vor dem leeren Blatt baut sich viel schneller ab. Zudem verbinden sich die verschiedenen Bilder durch die gemeinsame Grundfarbe organischer. Das dritte sind die Maltechniken, und darin kennt sich Brigitta Neukom bestens aus.

 

 

Noch keine 16 Jahre alt, bewarb sie sich an der Kunstgewerbeschule Zürich (heutige zhdk) für die Ausbildung zur wissenschaftlichen Zeichnerin. Nebenbei arbeitete sie als Pflegehelferin in einem Altersheim. Sie war fasziniert von alten Menschen und wollte wissen, wie das mit dem Sterben ist und ob der Mensch tatsächlich stirbt wenn er stirbt.

 

Nach einem Volontariat am Opernhaus in Zürich lernte sie in einem Bühnenpraktikum das Goetheanum in Dornach kennen, wo sie einige Zeit blieb, weil sie vom Gesamtkunstwerk des Theaters so fasziniert war. Sie studierte Eurythmie und wirkte im Ensemble an der Goetheanumbühne mit. Nach ihrer Ausbildung zur Heileurythmistin war sie zunächst am Paracelsus-Spital tätig, bevor sie 2000 eine eigene Praxis gründete. Jahre später fand sie den Weg wieder zurück zur Malerei, machte Naturstudien, malte die Glarner Alpen, stellte erfolgreich aus und fand immer mehr Freude an dieser Kunst, die sie nun ganz frei entwickeln konnte. Dann wurde sie angefragt, ob sie nicht im Birkenrain mit den Bewohnern malen möchte – eine völlig neue und wundervolle Aufgabe, die Brigitta Neukom seit 2015 wahrnimmt und nun auch in weiteren Heimen ausübt.

 

Ihre Frage war: Wie kann man einen malerischen Weg beschreiten, der gesundend und aufbauend ist, der die Lebenskräfte, auch Ätherkräfte genannt, anregt? Sie war und ist überzeugt, dass das sogenannte Ausdrucksmalen längerfristig nicht der richtige Weg sein kann, weil das Seelische dabei Gefahr läuft, sich in der eigenen Zerfahrenund Verlorenheit zu spiegeln. «Das Ätherische, das sich besonders in den Formen der Natur findet, enthält Ganzheiten, die in ihrer Reinheit und Gesetzmässigkeit Wohlbefinden, aber auch Aufbaukräfte vermitteln, erklärt die Therapeutin. «Die Momente der Konzentration in der Beschäftigung mit etwas Objektivem ermöglichen es, Abstand zu nehmen, es entstehen Pausen von sich selber.»

 

 

Das Anfangen fällt manchen Bewohnern leicht, anderen gar nicht. Da gilt es, manchen «Mal-Stau» behutsam zu überwinden. Es kann sein, dass es andere Malutensilien braucht, die Farben zu schnell schon trocken und Malstifte geeigneter sind, oder es braucht gar einen Graphit-Stift, weil es einer Bewohnerin mehr um das Zeichnen als um das Malen zumute ist. Der eine braucht Hilfe beim Auswaschen der Pinsel, damit nicht ein Mischmasch aller Farben entsteht, das dann in undefiniertem, müdem Braun endet. Es kommt auch vor, dass Deckweiss zum Einsatz kommen muss, um ein Missgeschick, das die Weiterarbeit blockiert, zu vertuschen.

 

Die Wege der einzelnen Teilnehmenden sind sehr individuell. Es gibt «Produzenten», die nach kurzer Zeit fertig sind und dann beobachten, was die anderen machen. Andere sind ängstlich, zögerlich, trauen sich nicht und bekommen dann doch Freude am Malen und freuen sich aufs nächste Mal. Es gibt manchmal auch Unzufriedenheit, weil Ungeschick oder zu drängendes Malen alle anfängliche Gestalt verwischt. Da braucht es einen Moment aufmerksamer Geduld, manchmal einen Neubeginn, ein sorgfältiges Begleiten der nächsten Schritte, bis die Orientierung und damit die Malfreude wieder da ist.

 

«Wieso», fragt Brigitta Neukom, «fällt es den Teilnehmenden schwerer, einen Schneemann zu malen als einen Engel, obwohl der Schneemann doch objektiv gesehen einfacher zu malen wäre?» Sie hat das in drei verschiedenen Institutionen ausprobiert und kam immer zum gleichen Resultat: Engel zu malen ist etwas ganz Besonderes. «Liegt es daran, dass alte Menschen so viel näher an der geistigen Welt sind?» Erleben sie die Begleitung durch Engel in ihren Träumen, in ihrem täglichen Leben? Es ist jedenfalls deutlich, dass alle Teilnehmenden einen unmittelbaren Zugang zu Engelwesen haben und dass diese Malstunden von ganz spezieller Qualität sind, voller heiliger Momente!

 

Brigitta Neukoms Malstunden finden in Epochen von jeweils sechs Wochen viermal pro Jahr statt. Wöchentlich, sagt sie, wäre zu viel, denn die Themen müssen einen Rhythmus finden, auch wieder ruhen und nachwachsen können. Die Mal-Epochen begleiten und tragen durch das Jahr. Und es passiert viel: «Wenn ich vergleiche, was wir vor einem oder zwei Jahren gemacht haben, welche Entwicklungen bei Bewohnern möglich wurden – dann freue ich mich, weil ich sehe, wie sehr sich diese Arbeit lohnt.»